Melancholie

BEITRAGFOTO: NULEINN (DK), 2018

6. Mai – 26. Oktober 2018

Do – So, 14:00 – 19:00 Uhr und nach Vereinbarung

Melancholie im Museum

Nora Leitgeb, Juni 2018

Das Museum am Bach unter der Kuratierung von Alex Samyi und Ulli Egger-Samyi versammelt 2018 bereits zum fünften Mal zeitgenössische künstlerische Positionen, diesmal unter dem Titel „Melancholie – Kunstausstellung in Moll“. Siebzehn internationale Künstler und Künstlerinnen, zwei Künstlerduos und ein Kollektiv beziehen sich in ihren zum Großteil neu produzierten Arbeiten auf die Melancholie – oder wie man noch so sagt auf die Schwermütigkeit, den Trübsinn, die Traurigkeit, die Nachdenklichkeit oder den Weltschmerz. In der Ausstellung bearbeiten manche von ihnen Episoden aus ihrem eigenen Leben, auffallend oft Liebeskummer wie das Duo OneTwoMuch und Friedrich Zorn oder Betrübtheit wie HST. Andere wiederum nähern sich dem Begriff der Melancholie aus der Perspektive der Mythologie wie das Arachne-Kollektiv, das dänische Künstlerinnenduo Nuleinn und Johannes Deutsch, der Psychologie wie die slowenische Künstlerin Meta Grugurevič oder des Traumbildes wie Rudi Benétik und Loretta Stats. Man findet Einflüsse der Japanologie wie beim Dänen Oskar Koliander, der Antike wie bei dem im Iran geborenen und in Wien lebenden Künstler Vooria Aria oder des Märchens wie bei Patricia Deisl. Andere wiederum  thematisieren gleich mehrere Aspekte der Melancholie wie die mit Sprühschablonen gefertigte Arbeit von Sebastian Schager und die Fotografie von Stefan Grauf-Sixt, manche reduzieren sich auf sinnbildliche Momente wie Evelin Stermitz, Alois Hechl-Kreuter oder Richard Kaplenig. Einige arbeiten gattungsübergreifend wie die Foto- und Videoarbeit von Sheida Samyi, die einen eigenen lyrischen Text verarbeitet oder Klaus Karlbauer, der sich den Schlager „Melancholie im September“ aneignet. Detlef Löffler schließlich bringt einen heimatkundlichen Aspekt mit hinein.

Seit der Antike behandeln medizinische, philosophische und kulturwissenschaftliche Schriften die Melancholie, die sowohl mit Schwermut und Trauer gleichgesetzt wird, aber auch mit Genialität und Inspiration. Die Melancholie mit Depression zu vergleichen gilt schon lange nicht mehr, vielmehr mit einem romantischen Weltschmerz, der durchaus schöpferische und erleuchtende Gedanken und Taten hervorbringen kann. In der antiken Viersäftelehre nach Hippokrates beförderte ein Ungleichgewicht der Säfte durch einen Überfluss an schwarzer Galle die Schwermut, von daher der Name Schwarzgalligkeit aus dem Griechischen mélas/ schwarz und cholḗ/ Galle. In der Temperamentenlehre wieder aufgegriffen wird das Temperament des Melancholikers mit Erde gleichgesetzt. Vooria Aria schaffte in seiner Installation „Bereit zum Aufbruch und zur Reise“ einen Erdhaufen aus Erde von hinter dem Museum in einen dunklen Ausstellungsraum, erhellt lediglich durch eine mit blauem Licht beleuchtete Floatglasscheibe. Im Englischen bedeutet „blue“ auch „traurig“, die Farbe Blau steht überdies für Ruhe, Vertrauen, Freiheit, Weite und Wasser, aber auch für Sehnsucht und kritische Selbstbeobachtung, was wiederum melancholisch wirken kann. In dem finsterem Ausstellungsraum lässt sich abgeschottet von äußeren Eindrücken dementsprechend gut sinnieren. Wasser spielt einen Raum weiter bei Oskar Koliander in der Installation „Kodō“ eine wesentliche gestalterische Rolle. Eine selbst gebaute japanische Shishi-odoshi, ein Bambusrohr, das durch Wasser bewegt mit langsamen, plötzlichen Schlägen Wildtiere aus Gärten vertreibt, wird von dem hauseigenen Museumsbach befüllt. Kodō meint auch das japanische Wort für  Herzschlag und Puls, es ist gleichsam der Herzschlag des Museums, gespeist von dem Wasser, das dem Museum seine Energie zum Betreiben der ursprünglichen Mühle gab und nun namensgebend ist. Einen Bezug zu japanischen Zengärten findet man auch gleich beim Eintreten in die Ausstellung, der ganze erste Raum ist vom nordischen Künstlerinnenduo Nuleinn, Rine Rodin und Magga Ploder, gestaltet. Nuleinn leitet sich vom Binärcode ab. In feinfühligen, sinnlichen Videos, Performances und interaktiven Installationen ermöglichen die Künstlerinnen einen körperlichen und taktilen Umgang mit digitalen und technoiden Zukunftsszenarien. In der Arbeit „Erde“ kann man an einem vertikalen Holzstamm drehen, an dessen Fußende ein Rechen befestigt ist, welcher durch einen Kreis aus Sand fährt, der an einen kleinen Zengarten erinnert. Kaum setzt man einen Fußstapfen in den Sand wird dieser im nächsten Moment von einem selbst schon wieder ausgelöscht, sinnbildlich für den Kreis des Lebens. Die Videoarbeit „Drache“ ist inspiriert von der altnordischen Literatur Snorra-Edda, in der – unter anderem – von der Entstehung und dem Ende der Welt berichtet wird. Der schlangenartige Totendrache Nidhöggr nagt unentwegt an der Wurzel des Yggdrasils, des Baums des Lebens. „Blei“, „Winter“ und „Saturn“ sind weitere Arbeiten von Nuleinn. Diese beziehen sich alle auf Begriffe, die durch die Jahrhunderte mit Melancholie assoziiert wurden. So ordnete die mittelalterliche Astrologie den Planeten Saturn der Melancholie zu, als der im Altertum äußerste, am weitesten von der Sonne entfernte, kälteste und lebensfeindlichste Planet. Diesem ist wiederum das Element Blei zugeordnet, die Erfahrung der eigenen Schwere. 

Das 2007 in Bozen gegründete Arachne-Kollektiv, bestehend aus Ahmet Avkiran, Ariadne Sevgi Avkiran und Alex Samy nimmt in ihrer Installation „Arachne. Love Is Blue“ Bezug zur Arachne, einer Gestalt aus der griechischen Mythologie, eine unglaublich geschickte aber vermeintlich hochmütige Weberin, welche der Göttin Athena die Stirn bietet und im Weben herausfordert. Arachne gewinnt, wird aber daraufhin von Athena aus Wut – zum einen wegen ihren Darstellungen zu den Liebesaffären der Gottheiten, zum anderen aufgrund ihres übermenschlichen Geschicks – zu einer Spinne verwandelt, die ewig lebt und weben muss. Das Arachne-Kollektiv symbolisiert in ihrer Arbeit die Sagengestalt Arachne als gesellschaftliches, basisdemokratisches Aufbegehren gegen Autoritäten, als Selbstorganisation gegen Überreglementierung und inszenierte zur Eröffnung inmitten der riesigen hölzernen Spinnen-Marionette eine Performance mit Imke Logar-Thiessen, Desiree Zott-Mostetschnig, Walter Wratschko und Martha Laschkolnig. Johannes Puch kommentierte die Performance mit der Fotoserie „Gesponnenes und Gewebtes“ als Raum- und Szeneninterpretation.

Im katholischen Mittelalter und mit dem Erstarken des Christentums kommt die als Aecedia oder Pigritia bezeichnete Mönchskrankheit auf. Dem antiken „vita contemplativa“, dem Zulassen von Müßiggang und der damit vielleicht einhergehenden Kreativität folgt ein strenges „ora et labora“. Trägheit, Trübsinn, Pflichtvergessenheit und Niedergeschlagenheit sind bezeichnend für das Krankheitsbild, von der in erster Linie Mönche befallen wurden, dazu kommen ein Mangel an Frömmigkeit und das Vernachlässigen religiöser Pflichten. Die Aecedia oder auch Faulheit kommt schließlich als eine der sieben Todsünden über das Mönchstum hinaus in der gesamten Bevölkerung an. Traurigkeit und Melancholie begleiten die Aecedia als Gemütszustand. In der Renaissance ist es dann vor allem dem Philosophen Marsilio Ficino (1433-1499) zu verdanken, dass sich das Melancholieverständnis ändert. Er beschreibt, dass ausgeprägtes kontemplatives Denken zu höchsten intellektuellen und kreativen Fähigkeiten beflügeln kann und zieht eine Verbindung zwischen geistiger, anspruchsvoller Arbeit und melancholischem, tiefsinnigem Genie. Dabei kann es allerdings vorkommen, dass Genies sozial vereinsamen, denn im Erkennen um die eigene Unwichtigkeit und Unfähigkeit, die göttliche Wahrheit jemals zu verstehen, wird man trübsinnig. Wobei es aber auch im Durchmachen des Leidens zu einem spirituellen Erkenntnisgewinn kommen kann, was dann dem neuzeitlichen Verständnis von Melancholie näher kommt.

Das Künstlerinnenduo OneTwoMuch, Martha Laschkolnig und Marie Lenoble, verarbeitet in ihrer mixed-media Installation „Ich liebe dich, aber“, den eigenen Liebeskummer. Ein Porträtfoto der Künstlerin aus einer Serie von Fotos, die sie vom Liebeskummer überwältigt beim Weinen zeigt, wird von dem Schriftzug „ich liebe dich, aber“ und einem Spiegel ergänzt. Ja, auch die Liebe ist nicht gefeit vor Bedingungen. Friedrich Zorn simuliert in „Talking to Silicon“ eine ungewöhnliche Liebesgeschichte von ihm selbst mit Siri, auf Fragen wie „Liebst du mich?“ oder „Willst du mich heiraten“ antwortet Siri in gewohnter Manier mit „Diese Frage habe ich nicht verstanden.“. Nein, nicht alles kann von Siri beantwortet werden, wohl schon gar nicht Fragen um Emotionen und Sinnlichkeit. Obwohl Silicium als zweithäufigstes chemisches Element nach dem Sauerstoff einen sehr großen Teil von dem ausmacht, das wir sinnlich erfassen können. Sheida Samyi verwendet in der Foto- und Videoarbeit „Help Hopes / Hope Helps“ zwei eigene lyrische Texte, die gesprochen von Karin Loitsch und Christian Rainer und musikalisch untermalt von Jozej Stikar von der Hoffnung handeln, die in einem Hilfeschrei enthalten ist und von der Hilfe, die einem Hoffnung gibt. HST verarbeitet in „Crying Printers“ ein persönliches Trauma. Ein Text zu seiner eigenen Kummergeschichte wird in einzelne Buchstaben zergliedert, die in regelmäßigen Abständen aus zwei Laser-Druckern „geweint“ werden. Denn die Drucker sind auf den Augen seines übergroßen Porträts angebracht, die ausgeweinte Geschichte bleibt letztendlich aber nur dem Künstler bekannt. Klaus Karlbauer inszenierte eine Video- und Soundinstallation im Turbinenraum der Mühle. Er mischte zum Klang des Maschinenraums den alten Schlager der Bambies „Melancholie im September“. Dabei sieht man ein Video, dass ihn selbst bei dem Versuch zeigt, die Besucher und Besucherinnen des Museums zu greifen und ihr Herz zu berühren.

Traumsymboliken zeigen sich bei Loretta Stats „In The Pipe“, einem 2,65 m langem Rohr, Sinnbild im Traum für den Wunsch nach Kanalisation der eigenen Gefühle. Gegenstände, die  beim Blick durch das Rohr zu erkennen sind, lassen eigenen Gedanken und Assoziationen zu. Rudi Benétik verarbeitet in seiner gleichsam einem Bild an der Wand hängenden Installation „Traumtropfen“ farbiges Plastik und Glas auf einer verbrannten Matratze, wobei von dieser nur mehr das metallische Federkerninnenleben übrig blieb. Das Licht zeigt sich bei dem Triptychon „Orakel – Swinging In Minor“ von Johannes Deutsch nicht am Horizont, sondern es kommt vom unteren Drittel des Bildes und so schaut auch ein kleiner Bub mit dem Fernglas nach unten. Johannes Deutsch: „Hier wird zur Frage des Orakels ein vom Nebel geradezu unsichtbarer Ort gezeigt. Bei Not und Unsicherheit kann an diesem Ort keine ‚Sicht‘ und keine ‚Erkenntnis‘ erwartet werden. Ich erinnere mich an die Beschreibungen des großen Kulturhistorikers Aby Warburg, in denen dieser zeigt, wiewohl bereits im antiken Griechenland die Menschen wussten „das Geflecht unzähliger Sterne zu strukturieren und durch Zusammenfassung von wiedererkennbaren Formen von Sterngruppen die Grundlage zur Beobachtung zu legen“. So entstand langsam Ordnung in der Dunkelheit und der Nachthimmel bot Hilfe bei der Navigation. Aber im Orakel oder in der astrologischen Zuschreibung wurden und werden dann die Bilder der Orientierung bloß zu Projektionen von Urängsten.“

Die slowenische Künstlerin Meta Grugurevič bringt in ihrer Installation „Statement A“ eine persönliche Mutter-Tochter-Geschichte, wo es um die ungewisse Zukunft ihrer Tochter geht, mit dem Charlie Chaplin Film „The Great Dictator“ in Verbindung. Der Ausschnitt mit der Rede an die Soldaten ist an die Wand projiziert, ebenso die zeichnende Mutter und das unbeschwert tanzende Mädchen. Eine pneumatisch betriebene alte Schreibmaschine schreibt mit rhythmischen, kräftigen wie sich von selbst bewegenden Tasten immer dann die Rede an die Soldaten, wenn im Film nicht gesprochen wird und füllt die Leerstellen mit einem scharfen Klang, wobei das Wort „Soldaten“ immer ausgelassen wird.

Im Café Melancholie wurde auf Wäscheklammern und Schnur eine Fotostrecke von Detlef Löffler installiert mit Porträts von Josef Jakab und Franz Tschebular vom Komitee Grabkapelle Lippitzbach, die angrenzend an das Museum im Schloss Lippitzbach einen Geschichtsverein betreiben. Im Volksmund ist die Nostalgie die Schwester der Melancholie.

So unterschiedlich die einzelnen Positionen in ihren Facetten, Emotionen und Bildern auch sind, so erkennt man dann doch in der Auseinandersetzung mit den Arbeiten, dass sie alle mit der Melancholie als gesellschaftliches Problem einer tief sitzenden Sehnsucht nach Gerechtigkeit assoziiert sind. Bestimmt ist auch die eine oder andere Arbeit aus einer melancholischen Grundstimmung heraus angeregt worden.

 

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