Schöne Ausstellung

Was es in diesem Jahr noch bis 26. Oktober zu sehen gibt, beantwortet Alex Samyi, Künstler-Museologe und Leiter des Museums am Bach so: echte Gegenwartskunst, die unabhängig von den aktuellen Top-Rankings – obwohl auch da vertreten – sehenswert ist. Wie schon in den vergangenen Jahren habe ich ein gesellschafts-relevantes Thema vorgegeben – diesmal die Schönheit unserer Handlungen. Unter den Künstlern/ Künstlerinnen die ich kenne gibt es viele, die wie ich gerne frei von Zwängen an etwas arbeiten, das gesellschaftlich Sinn macht. Frei zu arbeiten geht wahrscheinlich ohnehin nur dann.
Ob ein künstlerischer Output gesellschaftliche Relevanz hat, hängt zuerst einmal davon ab, ob er sich überhaupt auf die Gesellschaft bezieht. Das ist der Punkt, es gibt sehr viel großartige Kunst und jede hat irgendwie gesellschaftliche Wirkung – aber nicht jede hat eine schöne politische Intention.

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Das Plakat (oben) zeigt eine besonders schöne Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“, mit der das Berliner Künstlerkollektiv schon 2015 internationale Schlagzeilen machte. Noch sind es zu wenig solcher Rettungsplattformen – 1000 sollten es sein – weiterhin ertrinken hier im Mittelmeer zwischen Tunesien und Sizilien zu viele, die nach nichts anderem als Freiheit und Zuflucht suchen und das offizielle Europa hat über eine schöne Lösung noch nicht einmal nachgedacht.

Viele Probleme unserer Zeit kommen vom Nicht-Hinschauen. Museen können dem auf verschiedenste Weise entgegen wirken. Jean Paul sagte: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Museen können Paradiese schaffen – auch zukünftige. Gegenwärtig über die Schönheit von Handlungen nachzudenken bedeutet aber auch die Begriffe Islamophobie, Klimawandel, Staatskasse, Flüchtlingsstrom, Umverteilung, Immigration, Arbeitnehmer oder Mindestlohn zu hinterfragen. Den „schönen Operationen“ dieser Ausstellung, selbst Rahman Hak-Hagirs direkten Anspielungen auf das Framing unserer „Divided Society“ gelingt dies ganz ohne Zitate aus der Tagespresse.

 

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Zenita Komad – die Nr. 3 der österreichischen Künstler/ Künstlerinnen unter 40 – zeigt ihr Modell von einem Sitzkreis in einem Fußball-Stadion mit nur einem Tor (One Goal), nämlich vor dem Plakat: It`s time for spiritual action!

Noch einmal: alle Probleme unserer Zeit
kommen vom Nicht-Hinschauen. Wenn es darum geht, das Schöne oder wie bei Herwig Steiners „Schlag die Scheibe ein“ das Unschöne unserer Handlungen zu hinterfragen,  muss auch darüber nachgedacht werden, wie mit der neuen Komplexität und Dynamik der vielen verschiedenen gesellschaftlichen Routen und Ebenen von Routen umgegangen werden kann – die Welt, die wir bewahren oder in die wir mit unseren Taten eingreifen ist nicht mehr nur die eine.

Einheit in der Vielfalt – Frieden wäre schön. Dafür braucht es aber völlig neue Verbindlichkeiten – ein Neudenken und eine Neuordnung der Gesellschaft. Und das Modell zu dieser anderen Ordnung muss dann frei gewählt sein – wie in einem Museum das beliebteste Schaustück. Genau so ist der Link der Ausstellung zu unserer Sammlung sozialer Systeme zu verstehen.

Das Schönste an unseren bisherigen Ausstellungen waren die Versäumnisse, auf die wir direkt oder indirekt durch das Publikum aufmerksam gemacht wurden. In diesem Jahr fehlt das Paradies und gerade weil es fehlt, doch wieder nicht.

Die schönsten Bilder sind die, die wir im Kopf spinnen dürfen. So gesehen waren auch schon die beiden ersten Ausstellungen perfekt – der „Erste Weltkrieg“ ohne eine so wirklich freche Gegenüberstellung der Verwaltung der Kaiserzeit mit der von heute und die Perspektive „Von oben“ ohne den Hinweis auf die Vertikalität in allen unseren Maßstäben: Preise steigen, Kurse fallen, Spitzenverdiener, die oberen Zehntausend, Verlierer, die Oberhand haben, unterlegen sein usw. – solche Versäumnisse können nachgeholt werden.

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Wie wichtig ist uns die Schönheit

der Gesellschaft – von Taten, Handlungen oder Operationen? Wie schön wären diese, wenn wir genau das wollten, eben dass sie schön sind?

Diese auf das Scheitern der Ich-Gesellschaft und die Notwendigkeit eines neuartig ganzheitlichen Gesellschaftsbewusstseins bezogene Fragestellung wurde von den teilnehmenden 15 Künstlern und 21 Künstlerinnen der Ausstellung – wie erhofft – nur zum Teil übernommen und äußerst frei ausgelegt.

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Ihre einzelnen Positionen scheinen in demselben Dilemma zu stecken wie die Gesamtgesellschaft selbst: das Akzeptierte funktioniert nicht mehr, das vielleicht funktionierende Neue ist noch nicht akzeptiert – innerhalb dieses alle Bereiche des Lebens und Zusammenlebens umfassenden Umbruchs – was darf(!) da schön sein? Veränderung ist oft mit Schmerz verbunden – so belegt es das Leben – schon bei der Geburt und schließlich auch beim Sterben.

Dem wollen nicht einmal die schönsten Utopien der Sammlung des MUAB widersprechen, nicht die environment-technischen Exkursionen der Kooperationspartner Bionikum, Die Verknüpfer, BKK-3, Klimabündnis und Kärnten Solar und schon gar nicht die Mittelmeer-Aktion des Zentrums für politische Schönheit – ZPS aus Berlin, das zwischen Tunesien und Italien provisorisch 1000 Rettungsplattformen installieren will aber eigentlich ein Jahrhundertwerk, eine Autobahnbrücke übers Wasser von Afrika nach Europa vorschlägt und im Hintergrund dessen ein völlig neues Machtkonzept.

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Ohne in diesem ersten Überblick über die Saisonausstellung „Schöne Operation – Designing Beauty“ auf alle Arbeiten einzugehen zu wollen – Anna Vasof mit „Brake Dance“ zum Beispiel ignoriert die Schönheitsfrage ganz – in Schuhen mit Bremsen und einem vorgebauten Gestänge, an dem in Augenhöhe eine Verkehrsampel in klein befestigt ist, unterwandert sie einfach die allgemeinen behördlichen Regeln und folgt ihren eigenen.

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Eine Anleitung zur gesellschaftlichen Schönheit hat nur Zenita Komad parat: sie empfiehlt den verschiedenen im weitesten Sinne Parteien der Welt, sich statt zum Streit zu einer freien Multiplikation von Geist, Gefühl und Idee in 10er-Sesselkreise zu setzen: It`s time for spiritual action! Ob man mit derartigen Veranstaltungen Fußballstadien füllen kann? Das Modell dazu heißt „One Goal“ – das circleXperiment.

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Die Ausstellung handelt also von der Unmöglichkeit der Möglichkeit oder Möglichkeit der Unmöglichkeit, einmal eine in Frieden zusammenlebende Gesellschaft zu gründen – eine „Other Society“ wie die von Rahman Hak-Hagir, der in der Ausstellung – zusammen mit Lena Catalina Stan – schon ein Labor zur Behandlung gesellschaftlicher Abweisung und Ausgrenzung – der „Divided Society“ eingerichtet hat.

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Erst die Vielfalt (der Farben in und um uns) macht uns schön und lebendig – davon erzählt das 4m lange, ursprünglich weiße Kleid, das nach der 20minütigen Performance F7UIDS (Version II) des Kopenhagener (Cyborg-)Duos Nuleinn (01) stehen/hängen geblieben ist.

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Ganz und gar unverfälscht wirkt das Video „Schönheit total“ von Friedrich Zorn, das seine beiden Kinder beinahe alleine gemacht haben.

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Auch Ariadne Sevgi Avkiran wollte sich nicht auf ihre eigenen Sinne beschränken und lädt rund um ihren „Tactile Art“-Tisch Blinde und Sehende zu einem freien Wahrnehmungs- und Gedankenaustausch ein. Ein Angebot, das über den Kärntner Blindenverband oder das Museum gebucht werden kann.

Detlef Löffler verstört und fasziniert zugleich – mit vier Photoshop-Selbst-Portraits – sein Gesicht eins(!) mit denen von vier Freunden (des Museum am Bach) – das Schöne muss nicht schön sein.

Ohne die jährlichen Ausstellungen mit den wechselnden Forschungsthemen und Kollaborationen gäbe es bloß den Raum mit den 5 Mindmaps und einem „Arbeitstisch“ voll Büchern und Internetrecherchen. Dennoch müsste man hier Tage verbringen, bevor sich eines der Modelle derart erschließt, dass man beginnt, über Freie Wahlen, Perspektiven oder die Schönheit der Gesellschaft nachzudenken.

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Das MUAB inventarisiert seine Sammlung der Gesellschaftsmodelle nach drei Kategorien:

  1. Horizonte des Denkens und Handelns – ideologische Ausrichtung (I)
  2. Individuelle Rechte (R)
  3. Qualität der Kommunikation (C)

Die Prinzipien, die die Sammlung vermitteln will, sind Selbstaufklärung und gesellschaftliche Mitverantwortung.

Genau hier setzt der Medienkünstler Herwig Steiner an – mit seiner „Schönen Operation am eigenen Beispiel“ oder den „Unschönen Operationen 1 – 4“, die er den Besuchern/Besucherinnen überlässt.

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Fotos: Instagram

 

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Die Kunst, die Macht, das Schöne und die Freien Wahlen

Wird uns Konsumenten wie Produzenten das Schöne diktiert oder entscheiden wir selbst, was schön ist?

Ich beziehe mich auf die altpersische Poesie, in der das Schöne mit der Süße des Honigs verglichen wird und ziehe weiters Joseph Beuys Postulat „jeder ist ein Künstler“ heran um folgende These aufzustellen: das Schöne entsteht erst durch Vermischung (gleich wie der Honig aus dem gesammelten Nektar erst zusammen mit den körpereigenen Enzymen vieler kooperierender Bienen und dem Honigtau, den die Läuse absondern zum Honig wird). Demnach ist das Schöne immer das Ergebnis einer Kooperation.

Aber wie erzeugen wir „freien“ Menschen in unseren Zellen – den Schulen, Museen, Theatern, Ämtern, Fabriken, Restaurants und Geschäften – das Schöne? Und was genau meinen wir, wenn wir sagen: das war ein schöner Tag?

Viele unserer Teams, Firmen und Abteilungen werden von Chefs oder Chefinnen geführt, die bei ihren Vorgaben prinzipiell über die Köpfe der anderen hinweg entscheiden. Unsere Demokratien sind erst auf halbem Wege Demokratien. In ihren Subsystemen sind sie immer noch Diktaturen. Der Wechsel zu einer radikalen, direkten, partizipativen Demokratie kann nicht bequem vom Sofa aus per Fernbedienung angesteuert werden. Eine  auf Freiheit, Gleichheit und Verbundenheit begründete Demokratie – vielleicht das wahre Schöne in der Gesellschaft – fordert von allen vor allem die gegenseitige Wertschätzung.

Seit mehr als 100 Jahren greifen künstlerische Experimente in die soziale Ordnung der Gesellschaft ein. Jede Tat, Handlung oder Operation kann sich der Schönheit nähern, die Kunst – wie die Mathematik hat nur den Vorteil, sich mit dem Teilen und Multiplizieren leichter zu tun, was schließlich viele neue Wege öffnet, auch solche zum Unmöglichen hin.

Demnach lassen die sogenannten Freien Wahlen noch gar nicht so viel Wahl zu. Denken Sie darüber nach, wenn Sie zur nächsten Wahl gehen.

Alex Samyi, Ruden

Pizza

CLOSED TILL APRIL

Derzeit befinden wir uns im  Winter(SCHÖNHEITS)schlaf (in Wahrheit aber schon längst wieder munter im OPERATIONSRAUM). Die nächste Saisonausstellung „DESIGNING BEAUTY – SCHÖNE OPERATION“ wird am 23. April mit einem/dem Live-Art-Spektakel „GANZ-SCHÖN-FREI“ eröffnet werden. Das Ereignis wird am 2. Tag einer  dreitägigen SCHÖNEN Wochend-Kooperation mit Flux23, Unikum und Kunstraum Lakeside unter dem Motto „INS FREIE“ stattfinden.

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INSTANT-FOTO-GEWINNSPIEL

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Ein „Wettbewerb“, bei dem das mittlere(!) Talent gewinnt.

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Symbolfoto

DAS NEUNTBESTE INSTANT-FOTO GEWINNT eine INSTANT-LOMO

Mit dem Einsatz von EUR 1,- pro Bild ist man dabei. Es geht darum, während des Besuchs im Museum den richtigen Instant-Foto-Moment zu wählen – das Thema ist frei – schön wäre eine spannende Verbindung des Selbst mit der laufenden Ausstellung.